Kronacher Kunstverein e. V.

Online-Galerie


Kunst trotz(t) Krise

In unserer Online-Galerie stellen wir Ihnen Exponate aus unseren Ausstellungen sowie deren Schöpfer vor. Dazu geben wir jeweils eine kurze Einführung, in der Sie Informationen über den Künstler, das Werk und einige, hoffentlich für Sie inspirierende Gedanken zur Deutung finden. Mit dieser Initiative wollen wir in dieser besonderen Zeit ein Zeichen setzen und Ihnen ein wenig Farbe, Optimismus und Zuversicht nach Hause schicken.


Blumen für Leda – Katrin Buchzik


„Blumen für Leda“ - die symbolträchtige Interpretation der tragischen Mythologie von Zeus und seiner Geliebten


Im Jahr 2005 überzeugte die Bayreuther Künstlerin Katrin Buchzik das Publikum im Kronacher Kunstverein mit hyperrealistischer Malerei und außergewöhnlichen Objekten.

Leda, das war in der griechischen Mythologie eine Geliebte des Zeus. Einer griechischen Sage zufolge verliebte sich der Gott Zeus in Leda, näherte sich ihr in der Gestalt eines Schwanes und verführte sie. Leda gebar daraufhin vier Kinder. Ungeachtet der Tatsache, dass der Zeus-Schwan Leda getäuscht und gegen ihren Willen zum Beischlaf gezwungen hatte, war die tragische Geschichte von „Leda und dem Schwan“ über Jahrhunderte Inspiration für erotische Motive und wurde von zahlreichen Künstlern wie Leonardo Da Vinci und Michelangelo aufgegriffen.

Insbesondere zeitgenössische Künstlerinnen deuten dieses Thema vorzugsweise unter feministischer Perspektive neu. Die Bayreuther Künstlerin Katrin Buchzik hat eines ihrer augenfälligsten Objekte der mythologischen Frauenfigur gewidmet: eine antik anmutende Amphore gefüllt mit Blumen, die sich auf den zweiten Blick als farbige Topfkratzer entpuppen. „Blumen für Leda“ - der Betrachter kommt ins Grübeln. Die Vasen-Symbolik ist eng mit der Symbolik des Gefäßes und des Weiblichen allgemein verbunden. Ihre Form bildet oft die des weiblichen Körpers, insbesondere des Beckens nach. Meistens werden Vasen mit Wasser und Blumen gefüllt. So klingt hier das ganze Spektrum des Mutter-Archetyps und des Eros-Prinzips an: Lebendigkeit, Fruchtbarkeit, Frische, Fülle, Schönheit und Sexualität. Doch statt prallem Leben sprießen hier nur bunte Haushaltshelfer aus der Produktion der Kunststoffindustrie.

Wie bei allen Objekten und Bildern der Künstlerin trifft scheinbar Einfallsloses auf Überraschendes, Belebtes auf Unbelebtes, gibt es winzige Details und versteckte Botschaften, die beim Betrachter den „Aha“-Effekt auslösen.


„Hongkong“ - das hyperrealistische Werk steht für die Überraschungseffekte und Detailverliebtheit im Werk der Künstlerin.


„Hongkong“ ist eines dieser Bilder mit Überraschungseffekt. Zu sehen: Die überbordende, um Aufmerksamkeit buhlende Leuchtreklamewelt der fernöstlichen Großstadt mit ihrer Fülle an unterschiedlichen Schriftzeichen, übervolle Straßen und Menschen, die sie kreuzen. Die Überraschung: Die abgebildeten Menschen sind offenkundig keine Asiaten und sie sind alle nackt. Ausgezogen von der Künstlerin und mit den Zügen von Personen aus ihrem persönlichen Umfeld versehen, gehen sie aneinander vorbei, würdigen sich keines Blickes, so, als wären sie ganz selbstvergessen unterwegs in unterschiedlichen Zeiten. Kleinste Details sind zu erkennen, etwa die Uhrzeit an den Armbanduhren – bei jeder der dargestellten Personen eine andere. Gemalt nach einer Fotografie bildet dieses Werk die Wirklichkeit ab – und ist dennoch ein gefiltertes Abbild, so wie es die Künstlerin sieht.

Beeindruckend ist bei allen malerischen Arbeiten Katrin Buchziks die überwältigende Detailgenauigkeit, die ein hohes Maß an Disziplin, Präzision und Ausdauer belegen. Haut, einzelne Härchen, Zeiger auf Armbanduhren, winzigste Schriftzüge sind mit hyperrealistischer Genauigkeit dargestellt. Weit mehr als tausend Stunden, manchmal bis zu zwei Jahre, dauert es dann auch, bis ein Bild fertiggestellt ist.

Katrin Buchzik, 1973 in Bayreuth geboren, studierte an der Akademie der Bildenden Künste in Nürnberg bei Professor Hans-Peter Reuter. Im Jahr 2000 wurde sie Meisterschülerin. U.a. wurde Katrin Buchzik mit dem Kunstpreis der Nürnberger Nachrichten ausgezeichnet. In Kronach ist Buchzik dem kunstaffinen Publikum bekannt: 1998 war sie Preisträgerin des Lucas-Cranach-Preises der Stadt; im Jahr 2003 beteiligte sie sich an der Aktion „Hommage an Lucas Cranach“ auf der Festung Rosenberg; 2005 folgte die viel beachtete Ausstellung in der Galerie des Kronacher Kunstvereins.

Text: Sabine Raithel
Fotos: KKV



Diesseits - jenseits: Die Welt der Dao Droste



Dao Droste vermeidet das Wort „oder“; sie bevorzugt „und“. Deshalb verbindet sie Ost und West, ist Künstlerin und Wissenschaftlerin, und drückt sich in Malerei, Plastik, Installationen und Videokunst aus.


Im Jahr 2005 war die vietnamesische Ausnahmekünstlerin Dao Droste der Einladung des Kronacher Kunstvereins gefolgt. Auf der Festung Rosenberg zeigte sie Malerei, Installationen, Plastiken und Videokunst.

Sie ist Kosmopolitin, Taoistin, freischaffende Künstlerin und promovierte Chemikerin: Dao Droste. Der Vorname der Künstlerin bedeutet „Der Weg“ - und könnte passender nicht sein. Die Liebe zur Kunst sei ihr schon von ihrer Familie „in die Wiege gelegt“ worden, sagt sie. Während des Vietnam-Krieges floh die damals 19jährige, die eigentlich Künstlerin werden wollte, nach Deutschland. Sie entschied sich für einen „Brotberuf“ und absolvierte ein Chemiestudium, promovierte mit Auszeichnung und begann dann, sich ihrer eigentlichen Leidenschaft zuzuwenden: der Kunst. In Eppelheim bei Heidelberg eröffnete sie ein Atelier, das es dort seit mittlerweile 33 Jahren gibt.

Dao Droste ist Taoistin, fest davon überzeugt, dass „man annehmen muss, was da ist“, achtsam im Hier und Jetzt. Nicht nur in ihrem Sein, sondern auch in ihrem künstlerischen Oeuvre sind bis heute ihre fernöstlichen Wurzeln spürbar.

Die formale Bandbreite im Werk Dao Drostes ist groß: Die plastischen Arbeiten sind figurativ, ihre Farbigkeit zurückhaltend. Die Malerei zeigt sich abstrakt und in lebendigem Bunt. Inhaltlich basieren ihre Arbeiten auf einem gemeinsamen Fundament, der Philosophie des Taoismus. Ob Malerei, Skulptur in Bronze oder Stein, Keramikarbeiten oder Installationen: Immer begegnet der Betrachter jener fernöstlichen Philosophie, die sich mit dem „All-Einen", dem ganzheitlichen, umfassenden Sein befasst. Dao Droste bringt dem Betrachter diese Welt nahe. Ihre Kunst zielt auf die Sichtbarmachung kosmischer Gegensätze, die einander schöpferisch befruchten. „In meiner Welt gibt es weniger ‚oder‘ als ‚und‘‘“, erklärt sie in einem Interview. Dao Droste, die Künstlerin und Wissenschaftlerin, die kleine, zarte Frau mit der großen schöpferischen Kraft, die Seele und Kopf vereint.

Der Titel der Kronacher Ausstellung im Jahr 2005, „diesseits - jenseits“, war also Programm. Dao Drostes große Arbeiten „Open Mindedness“ und „Terra Cantans“, Bodeninstallationen mit 500 Ton-Gesichtern bzw. 150 Terrakotta-Köpfen, wurden bereits an mehreren Orten in Europa gezeigt. Neu war die Boden- und Klanginstallation „diesseits - jenseits“ mit 84 Terrakotta-Büsten, die Kunstfreunde in Kronach begeisterte. „Sie sind ein Abbild der Menschheit an sich, deren Wertschätzung sich ungeachtet diesseitiger Rangordnungen im Hinblick auf das Jenseits ausdehnt“, so die Künstlerin, die sagt, sie habe das Gefühl, beim Modellieren eins zu sein mit dem Ton. „Vor der Natur ist jeder Mensch gleich und vor ihr bewahrt er seine Würde.“ Und hier wird das Einheit stiftende Moment im Werk Dao Drostes wiederum deutlich.

Dao Droste ist in der Welt zuhause. Ihre Familie ist über vier Kontinente verstreut. Sie selbst bezeichnet sich als Kosmopolitin und fügt an, dass sie nur mit dieser Haltung leben kann. Wohl auch deshalb hat sie die Statue des „One World Awards“ geschaffen, mit dem auf internationaler Ebene Menschen und Projekte ausgezeichnet werden, die im Sinne einer positiven Globalisierung in den Bereichen Ökologie, Ökonomie und Soziales die Zukunft gestalten. Seit Jahren beschäftigt sich Dao Droste mit dem Thema „Nachhaltigkeit“. Hierfür wurde sie u.a. mit dem „BAUM“ Umweltpreis in der Kategorie „Kultur und Medien“ ausgezeichnet. In einem Zeitungsinterview sagte sie hierzu: „Man muss sich immer fragen: Ist das jetzt wichtig, braucht man das - oder ist das Verschwendung? Einfachheit ist die Basis des Glücklichseins. Man muss nicht alles haben. Mit mehr wird man nicht unbedingt glücklicher. Der letzte Koffer des Lebens ist leicht. Man kann kein Geld mitnehmen - aber Glück kann man auf dem Sterbebett bis zur letzten Sekunde genießen.“

Text: Sabine Raithel
Foto: Dao Droste / Schwerdt-Fotografie



Von Menschen, Tieren, Weizen, Geld und Blech – Abi Shek

„Weizenfelder haben mit Natur nichts zu tun. Es geht um Geld“, sagt der Künstler Abi Shek. In Kronach präsentierte er symbolträchtig ein „Weizenfeld“ aus vergoldetem Blech.


Der Künstler Abi Shek beschäftigt sich mit den elementaren Themen des Lebens: dem Wesen des Menschen, der Tiere, der Natur und der Verletzlichkeit dieses Zusammenwirkens. Im Jahr 2019 war er im Kronacher Kunstverein zu Gast. Wie hochaktuell die Ausstellung mit Arbeiten des israelischen Künstlers Abi Shek im Kronacher Kunstverein im Januar 2019 war, zeigte sich ganz besonders beim Künstlergespräch zur Finissage der Ausstellung. Das Thema: Mensch, Natur, Kultur im Wandel - auf dem Weg wohin?

Den größten Teil der Ausstellung machten die großformatigen Holzschnitte mit Tiermotiven gedruckt auf Leinwand aus. “Meine Tiere sind ein Mittel, um über den Menschen etwas zu sagen“, erklärte der israelische Bildhauer. “Sheks-Tierleben” dient nicht zoologischer Information, das Ziel ist eine kommunikative Beziehung zwischen Betrachter und Sujet - bei aller Fremdheit, die Shek dem Tier zugesteht.

Abi Shek ist Bildhauer - kein Maler, wie er selbst betont. Wenngleich seit Jahren die grafische Tätigkeit, die Holzschnitte in seinem Schaffen überwiegen, kehrt er doch immer wieder zur dreidimensionalen Gestaltung zurück, ohne zu skulpieren oder zu modellieren. Seine bevorzugte Technik dabei ist die Montage von dünnem, fast volumenlosem Material: Blech.

In Kronach zeigte Shek kleine Objekte in Vitrinen und die große Rauminstallation “Weizen”. Wenn man Sheks Bilder als zweidimensionale Skulpturen bezeichnen mag, gezeichnet von der Kunst des Weglassens, so kann man seine Installation als dreidimensionale Grafik bezeichnen.

Objekte ohne Volumen bevölkern den Raum und erobern unsere Aufmerksamkeit. Shek schafft ein räumliches Feld. Er erschafft den Raum in der Fläche der Galerie ohne fühlbares Volumen, ohne Plastizität. Diese damals ganz neue Arbeit beschäftigt sich mit dem Ursprung der Kultur, die Abi Shek im Ackerbau sieht. Der Mensch habe Pflanzen wie den Weizen kultiviert. Mit seinem Ährenfeld aus vergoldetem Metall möchte Abi Shek die Begriffe Natur und Kultur zusammenbringen und gleichzeitig den Kulturbegriff weiten und ins Bewusstsein rücken.

Im Künstlergespräch zur Finissage der Ausstellung kam man auf Yuval Noah Harari, den israelischen Historiker zu sprechen. In dessen populärwissenschaftlicher Monographie “Eine kurze Geschichte der Menschheit” nimmt Harari den Beginn des Ackerbaus, die Erfindung des Geldes, die Verbreitung von Religion und die Entstehung von nationalen Staaten unter die Lupe. “Die landwirtschaftliche Revolution war der größte Betrug der Geschichte. Der Weizen hat eher den Menschen domestiziert als umgekehrt”, sagt Harari. „Weizen ist nach der Gerste die zweitälteste Getreideart. Mit seiner Ausbreitung nach Nordafrika und Europa gewann der Weizen grundlegende Bedeutung. Weizen ist für Menschen in vielen Ländern ein Grundnahrungsmittel. Der Anbau von Weizen machte die Tiermast erst möglich. Die Behandlung von Tieren in der modernen Landwirtschaft ist wahrscheinlich das schlimmste Verbrechen der Geschichte“, postuliert Yuval Noah Harari. Und Abi Shek kommentiert: „Weizenfelder haben mit Natur nichts zu tun. Es geht um Geld. Deswegen verwende ich auch in diesem Bezug vergoldetes Blech.”

Künstler nehmen Stellung, verweisen auf gesellschaftliche Entwicklungen, inspirieren, rütteln auf und erfreuen. Kunst ist ein Mittel, um über “den Menschen” etwas zu sagen.

Abi Shek ist Bildhauer, Zeichner und Holzschneider. Er wurde 1965 in Israel geboren und ist in einem Kibbuz aufgewachsen. In Stuttgart hat er an der Kunstakademie studiert, unter anderem bei Micha Ullman. Heute lebt er als freischaffender Künstler in Stuttgart. Er stellt vorwiegend in Deutschland und Israel aus.

Text: Karol Hurec
Foto: Karin Elsel


Auf der Suche nach Klarheit und Sinn – Hermann Rudorf

In den unterschiedlichen Phasen seines Schaffens greift Hermann Rudorf mal mehr, mal weniger zu Farbe, malt figürlich, dann wieder vollkommen abstrakt. Hier eine Arbeit aus dem Jahr 1989 (Ausschnitt).


Der aus Hof stammende Künstler Hermann Rudorf war im Jahr 2005 zu Gast im Kronacher Kunstverein. Seine Bilder sind so intensiv und vielfältig wie das Leben selbst.

Hermann Rudorf wurde 1956 in Hof/Saale geboren und gehört zu dem kleinen Kreis herausragender, regionaler Künstler, denen der Sprung ins internationale Kunst-Business erfolgreich geglückt ist.

Rudorf studierte Malerei bei Ernst Weil, Helmut Sturm und Allen Jones in Nürnberg und Berlin. Er war Meisterschüler der Hochschule der Künste Berlin. Seit 1980 werden seine Werke bundesweit in zahlreichen Einzelausstellungen gezeigt. Heute sind Rudorf’s Arbeiten auf nationalen und internationalen Kunstmessen vertreten und Bestandteil privater sowie öffentlicher Sammlungen. Der Künstler lebt und arbeitet in Berlin.

„Lapidar" bedeutet im eigentlichen Sinne so viel wie „überraschend kurz und knapp – aber treffend". „Lapidar" war auch das Motto des Werkzyklus, den der Künstler im Kronacher Kunstverein, im Jahr 2005, vorstellte. Rudorf hatte sich hier - wie schon in anderen Schaffensperioden - mit den Mitteln der Malerei auf Sinnsuche begeben.

Rudorf will tief und klar sehen - und er will verstehen. Er geht den Dingen auf den Grund, um dann ihre einfache Wahrheit zu entschlüsseln. „Es sind für mich eher ernste Bilder, die sich mit Existentiellem befassen. Mit der Ohnmacht des Menschen in einer komplexen Welt und der Sehnsucht, sich Klarheit über die wirklich wesentlichen Dinge des Lebens zu verschaffen. Es ist mein Beitrag zu einer Besinnung auf das Eingebundensein des Menschen in die Natur und eine klare Absage an oberflächliche Betrachtungsweisen, die sich auch im Kunstbetrieb breit machen“, so Hermann Rudorf bei seinem Besuch in Kronach.

Obwohl die Bilder Hermann Rudorfs niemals modisch sind, sondern über den Zeitgeist hinaus Bestand haben, so greifen sie meist Themen auf, die den Künstler, aber auch die Gesellschaft, aktuell beschäftigen. So zum Beispiel die Sehnsucht nach dem Einfachen, Guten und Echten, nach Qualität und Einzigartigkeit; heute würde man sagen nach dem Nachhaltigen, jenseits von Konsumterror, Wachstumsspirale und Leistungsdruck.

Fernöstliche Philosophien seien ihm nicht fern, konstatiert Rudorf. Das heißt für ihn, die Sehenseindrücke so lange zu speichern und ins Meditative fluten zu lassen, bis sie sich zum Bild verdichten und dann gleichsam in einem Zug entladen. Diese Entladung wird durch die Art bzw. Dynamik der Pinselführung deutlich - das typische Kennzeichen in Rudorfs Malerei. Der Betrachter wird geradezu in seine Bilder hineingezogen, in diesen einen atmosphärischen Moment, der je nach Stimmung anregend oder beruhigend ausfallen kann. Der Blick wird in die Tiefe gelockt und tastet sich langsam durch die verschiedenen Ebenen vorwärts.
Rudorfs Maltechnik folgt einer Logik, nach der ein einmal gesetzter Strich alles andere nach sich zieht und den Bildaufbau vorbestimmt. Der Strich ist das Herzstück seiner Malerei. Mit ihm gibt Hermann Rudorf der Farbe eine Struktur und macht sie zu Linie, Fläche, Raum oder Skulptur.

Kantig gezogen, endet er vielfach im Endlosen. Mit ihm staffelt der Maler gekonnt den Bildraum. Im Auf und Ab des Pinselstrichs verbinden sich Landschaft und Gegenstand zu einem harmonischen Sujet, bilden Verwischungen und klar umrissene Formen eine Einheit. Dynamik und Statik können sich nebeneinander behaupten. Der Strich ist die kleinste Bildeinheit, dem Rudorf malerisch absolut alles zu entlocken vermag.

Betrachtet man das Werk Hermann Rudorfs in den vergangenen Jahrzehnten, so findet man da ein Feuerwerk an Farben, ebenso wie Monochromes, Figürliches wie Abstraktes, die ganz großen Emotionen ebenso wie die stillen, meditativen Momente, Vorstöße nach Außen und den Rückzug nach Innen. Seine Bilder sind wie das Leben. Sie wollen bewusst wahrgenommen werden.

Text: Sabine Raithel
Foto: Sabine Raithel


Von Menschen und Räumen – Barbara Lidfors


Barbara Lidfors lenkt den Blick auf die Schönheit im Alltäglichen wie bei ihrem Bild „Drei Strohhalme“ (40 x 80 cm, Öl auf Leinwand).


Die US-amerikanische Künstlerin Barbara Lidfors bildete den Auftakt im Ausstellungsjahr 2005 im Kronacher Kunstverein. Hier präsentierte sie ihre subjektiv- realistischen „Menschenbilder“. Es ist eine Situation, wie sie sich tagtäglich in den Cafés abspielt. Eine junge Frau sitzt vor ihrem Getränk. Sie blickt sinnierend zur Seite. Ist sie in Gedanken versunken - oder folgt sie schweigend einem Gespräch am Tisch? Wir wissen nicht, ob noch jemand bei ihr sitzt. Neben ihrem Glas stehen noch zwei weitere. In jedem steckt ein Strohhalm. Offenkundig war die junge Frau gerade noch in Begleitung. Vielleicht hatte sie sich mit ihren Freundinnen getroffen, die schon den Tisch verlassen haben? Die Situation ist banal. Aber die junge Frau zieht den Blick auf sich. Sie hat ein hübsches, ebenmäßiges Gesicht, das von einem bunten Schal schön unterstrichen wird. Der Betrachter des Bildes ist ihr nahe. Der Eindruck entsteht, als säße man ihr direkt gegenüber. Und dennoch gibt es eine Distanz. Sie hat ihren Blick abgewandt; ihre Aufmerksamkeit geht in eine andere Richtung. Im echten Leben würde man versuchen, den Gesprächsfaden mit ihr aufzunehmen.

Barbara Lidfors, eine amerikanische Künstlerin skandinavischer Herkunft, die in Fürth lebt, ist bekannt für ihre Menschenbilder. Die international renommierte Kunstprofessorin zeigt „Otto-Normal-Bürger“ verschiedener Kulturkreise, die für gewöhnlich nicht im Blickpunkt des öffentlichen Interesses stehen. Lidfors konzentriert sich auf Gestik, Mimik, auf Anzeichen von Gefühlen und Sehnsüchten und schafft mit ihren Bildern eine Dokumentation von Lebenswirklichkeit. Dabei spielt der Bezug zu den jeweiligen Situationen und Räumen eine wesentliche Rolle. So zeigt sie Menschen im öffentlichen Raum, auf großen Plätzen, in Fußgängerzonen, in Shoppingmalls, Parks und Biergärten; sie porträtiert sie beim Besuch in Galerien und Museen; beobachtet sie in den eigenen vier Wänden, beim Hausputz, am Schreibtisch oder beim Plausch mit Freundinnen und sie zeigt Porträts, die an der formal glatten Oberfläche nicht halt machen, die auch ein Stück Seele der Portraitierten freilegen.

Grundlage ihrer meist mit Öl auf Leinwand gemalten Bilder ist die Fotografie, die ihr hilft, die Realität noch besser zu erfassen und zu interpretieren. Die Fotografien erstellt die Künstlerin selbst. Sie entstehen in ihrem Alltag an den verschiedenen Wohnorten in und außerhalb Europas und im Rahmen von Auslandsreisen. Sie sind, so Lidfors, Dokumente ihrer eigenen Lebensgeschichte. Die gemalten Bilder sind aber keineswegs exakte Kopien der Fotos, sondern subjektiv-realistische Reflexionen. „Was ich gerade sehe, wird zum Anfangspunkt meiner Malerei. Ich interessiere mich dafür, Menschen zu malen: Wie sie leben, wie sie miteinander umgehen und wie sie von ihrer Umgebung beeinflusst werden. Über die Jahre hinweg habe ich mehrere figürliche Bilderserien gemalt, die die unterschiedliche Art und Weise beleuchten, in der Menschen mit den gewöhnlichen Vorkommnissen des Alltags umgehen. Mit Hilfe dieser fragmentarischen gemalten Zeitaufnahmen versuche ich, den alltäglichen Abläufen eine Allgemeingültigkeit zu verleihen, die zum Nachdenken einlädt“, so die Künstlerin.

Barbara Lidfors führt dem Betrachter die Vielfalt menschlicher Existenz vor Augen. Mit ihren Darstellungen von Menschen unterschiedlicher Ethnien ist die Künstlerin zudem eine Botschafterin zwischen den Kulturen. Die Künstlerin wurde u.a. mehrmals in Folge mit dem Nürnberger Nachrichten Kunstpreis ausgezeichnet. Ihre Bilder sind in namhaften Galerien und Sammlungen in Deutschland und den USA zu sehen.


Text: Von Sabine Raithel
Foto: Karin Elsel


Wissenschaft trifft Kunst – Stefan Diller


Das Bild zeigt biolumineszente Meeresalgen mit dem NamenPyrocystis fusiformis Dinoflagellat aus der Familie der Pyrocystaceae. Ihr Lebenszyklus beträgt nur fünf bis sieb en Tage. Wenn die Algen gestört werden, produzieren sie ein bläuliches Leuchten, das auch als „Meeresleuchten“ bekannt ist. Die Algen kommen in Tiefen bis zu 200 Metern vor.



Der gebürtige Kronacher Stefan Diller ist Makrofotograf. Er macht Unsichtbares sichtbar und Kleines ganz groß. Im vergangenen Jahr präsentierte er seine faszinierenden Fotos im Kronacher Kunstverein. Das Foto hat in Kunst, Wissenschaft und in den Medien für große Aufmerksamkeit gesorgt: Eine 25-Meter-große Biene mit haarigen Beinen und wuscheligem Rücken, über und über mit Pollenkörnchen bedeckt, sitzt auf einer gigantischen Kamillenblüte. Der menschliche Betrachter ist in der Relation vor diesem Bild auf das Tausendfache geschrumpft. Aus der Ameisenperspektive wandert sein Blick über das 360-Grad-Panorama und entdeckt nie vorher gesehene Details und Strukturen, die das Bild messerscharf wiedergibt. Das Foto war eine Auftragsarbeit des Künstlers Yadegar Asisi im Jahr 2018. Das Bild trägt den Titel „Carolas Garten“ und misst satte 32 mal 40 Meter. Das „Fotoshooting“ fand wenige Wochen vorher im Würzburger Fotolabor von Stefan Diller statt. Der gebürtige Kronacher ist seit mehr als 25 Jahren spezialisiert auf wissenschaftliche Fotografie. Seine Aufnahmen entstehen nicht mit dem Handy oder einer handelsüblichen Spiegelreflexkamera, sondern mit Hilfe von Raster- und Transmissionselektronenmikroskopen, die auf Basis von Lanthanhexaborid-Kathoden funktionieren. Wie gesagt: Diller arbeitet für Wissenschaft und Industrie. Zu seinem beruflichen Repertoire gehören Problemstellungen im Bereich Metalloberflächen, er macht Bruchstrukturen sichtbar, weist Nanopartikel nach oder analysiert das Alter von Schmiermitteln.

Aber Diller ist auch Künstler - genauer: ein Brückenbauer zwischen Wissenschaft und Kunst. Wissenschaft und Kunst sind seit je her in enger Verbindung. Bereits Leonardo da Vinci und Albrecht Dürer waren Grenzgänger zwischen beiden Bereichen. Große Forschungsbetriebe der Elektronik, der Pharmazie oder das Max Planck-Institut pflegen heutzutage engen Kontakt zur Kunst. Dillers faszinierende Aufnahmen, die den Betrachter in die Welt des Mikro- und Makrokosmos entführen, sind preisgekrönt und erobern das Publikum in den renommiertesten Galerien und Museen der Welt wie dem Pariser Centre Pompidou, in dem er im vergangenen Jahr gemeinsam mit dem Berliner Künstler Andreas Greiner ausstellte. Im gleichen Jahr waren die Arbeiten von Stefan Diller auch im Kronacher Kunstverein zu sehen: „Inner Space - Outer Space“ - Bilder des Lebens, so lautete der Titel der Ausstellung. In Kronach zeigte Diller einen kleinen Querschnitt von Makro- und Mikrostrukturen in oft nur ein Haar breiten Bildfeldern. Die Besucher der Ausstellung entdeckten hier den Kosmos, der in den Mikrostrukturen von Pflanzen, wie in der Oberfläche eines Brokkolis, versteckt ist.

Die Aufnahmen von Stefan Diller zeigen zum Teil bizarre Formen von Oberflächen anorganischen Materials, von Pflanzen und Zellen, die vielfältige Aufgaben im Wechselspiel mit ihrer Umwelt erfüllen und eine ganz eigene Ästhetik haben. So fotografiert Diller beispielsweise teils gentechnisch veränderte Zellen des Menschen, Mikrometeoriten aus dem Weltall oder „Portraits“ von Nutz- und Nahrungspflanzen aus dem Bestand des Botanischen Gartens Würzburg.

Die Strukturen sind in großen Farbbildern dargestellt. Dafür hat Stefan Diller eine spezielle Art der Kolorierung entwickelt: “Mein Rasterelektronenmikroskop kann auch Farbe mit Hilfe von farbigen Bildsignalen aus acht Detektoren erstellen. Es ist also keine Farbe, die mit der Wirklichkeit des Präparates etwas zu tun hat, sondern eine ästhetische Entscheidung des Mikroskop-Bedieners“. Genau hier beschreibt Diller die Schnittstelle mit der bildenden Kunst; den Punkt, an dem der Wissenschaftler künstlerisch tätig wird.

Gewählte Bildausschnitte mit einer überlegten Verteilung von Kontrasten und eine einfühlsame Farbgebung zeichnen Stefan Dillers Bildkompositionen von hoher Ästhetik aus. Schon der große Künstler Paul Klee (1879 – 1940) sagte: „Kunst gibt nicht das Sichtbare wieder, sondern macht sichtbar.“ Dillers elektronenmikroskopische Aufnahmen machen unsichtbare Strukturen für das menschliche Auge sichtbar. Sie sind Kunst.

Stefan Diller wurde u.a. mit dem Sony World Photo Award in der Kategorie „Scientific Photography“ ausgezeichnet sowie mit dem ersten Preis in der Kategorie Kurzfilm der Royal Microscopic Society London, für eine Arbeit über T-Zellen. Das ZDF zeigte seine Aufnahmen über Glasflügelfalter im Terra-X-Beitrag „Nanoflights“; die Aufnahmen waren u.a. auch im Geo-Magazin zu sehen.

Text: Karol Hurec
Foto: Stefan Diller

Der Blick unter die Oberfläche – Margaret Hunter


 Das Bild „Inner Looking“ aus dem Jahr 1998 war 2003 Teil der Werkschau von Margaret Hunter im Kronacher Kunstverein.



Die schottische Künstlerin Margaret Hunter befasst sich in ihrer Kunst vor allem mit dem Abbild von Frauen. Dabei verbindet sie Gegensätze wie Ost und West, Innen und Außen, Abstrakte Malerei und Realismus.

Seit seiner Gründung vor mehr als 40 Jahren hat es sich der Kronacher Kunstverein zur Aufgabe gemacht, international renommierte, zeitgenössische Künstler zu präsentieren, die sonst nur in den großen Galerien oder Ausstellungen der Welt zu sehen sind, wie Elvira Bach, Josef Beuys, Ernst Fuchs oder Reng Rong. Im Jahr 2003 war es dem Kunstverein gelungen, eine bemerkenswerte und vielfach ausgezeichnete schottische Künstlerin für Kronach zu gewinnen: Margaret Hunter.

„Meine Bilder und Skulpturen basieren auf meinen persönlichen Erfahrungen und einem jahrelangen Leben zwischen Schottland und Berlin. Ein geteiltes Leben, wie diese Stadt Berlin geteilt war. Ein Aufeinanderprallen von Gegensätzen, damals zwischen Ost und West – und immer noch ist diese Stadt im Fluß“, so beschreibt die Künstlerin Margaret Hunter ihre Arbeit.

Margaret Hunter wurde 1948 im schottischen Ayrshire geboren. Sie ist schon dreißig Jahre alt und zweifache Mutter, als sie sich dazu durchringt, sich selbst einen lang ersehnten Wunsch zu erfüllen – den Wunsch, Künstlerin zu werden. Mit bestandenem Examen an der Glasgow School of Arts setzt sie 1985 an der Hochschule der Künste Berlin, bei Professor Georg Baselitz, ihr Studium fort. Hunter wählt die damals noch zerrissene Stadt Berlin zur zweiten Heimat. Was ihr dort vor und nach dem Herbst 1989 begegnet, weitet ihren Blick für die Verletzungen des Menschen, für das Verborgene, Verschlossene.

Georg Baselitz, dessen Arbeiten Margaret Hunter in den 70er Jahren in Amsterdam das erste Mal sieht und für die sie sich spontan begeistert, prägt die Karl-Hofer-Stipendiatin sehr. Und es gibt ihr Gelegenheit, sich mit ihren eigenen Kindheitserinnerungen an die Kunst und Kultur Nigerias zu verbinden. Angeregt von der expressiven Geste ihres Lehrers Baselitz entwickelt Margaret Hunter eine eigene, furiose und vitale Bildsprache.

Wie verhalten sich Menschen in Grenzsituationen, in der Balance widerstrebender Kräfte? Das interessiert die Künstlerin, die selbst die radikale Veränderung von Lebensumständen erfährt, als sie von Schottland nach Berlin kommt. Und sie erlebt sie erneut und nimmt sie mit äußerster Sensibilität wahr, als die Mauer im geteilten Berlin fällt und die Euphorie der Wiedervereinigung von der Alltäglichkeit krasser Gegensätze überblendet wird.

Margaret Hunter konzentriert ihre Bilderwelt ausschließlich auf die menschliche Figur. Jenseits des deskriptiven Abbildes sucht sie deren Idee. Die Künstlerin selbst beschreibt das so: „Grundthema meiner Arbeit, die sich meist auf die Darstellung einer einzigen, oft weiblichen Figur konzentriert, ist das menschliche Schicksal. Die Figuren sind stilisiert und manchmal durch unsichtbare Kräfte gebeugt. Sie sind ambivalenter Ausdruck für Eingriffe und versuchtes Ausbalancieren. Sie nehmen den Schmerz über Verluste an. Eingravierte, eingeritzte Markierungen können gelesen werden als Zeichen von Identität oder als Beweis von Zugehörigkeit.“

Die Figuren in Margaret Hunters Arbeiten verbinden die elementare Einfachheit der primitiven Kunst mit der Bewegung und dem psychologischen Realismus westlicher Figuren. Deutlich wird dies in Hunters figürlichen Holzplastiken ebenso wie in den Gemälden und Zeichnungen, die vielfach zurückführen auf archaisch Konzentriertes und Abstraktes: Gebeugt und deformiert, um einen Schmerz auszuhalten – oder auch, wie Margaret Hunter sagt, um sich anzupassen.

Zu den wiederkehrenden Motiven wie Pfeil, Fackel, Spirale, Keil und Masken tritt der Trichter, Symbol des willentlichen, erduldeten oder gewaltsamen Einflößens von außen, von nicht selbst Erlebtem und Erarbeitetem. Die Arbeiten Margaret Hunters sind Seelenbilder, Psychogramme einer außergewöhnlichen Frau. Sie dienen gleichsam dem sensiblen Betrachter als Projektionsfläche eigener Erlebnis- und Gefühlswelten.

Malschicht für Malschicht läßt Hunter die Bildoberflächen wachsen wie eine Haut – manches wird wieder ausgelöscht, anderes aus den unteren Schichten freigelegt oder mit darüber Liegendem verbunden. Der suggestiven Kraft dieser Bilder kann sich der Betrachter kaum entziehen.

In wenigen Jahren ist es Margaret Hunter gelungen, sich zu einer international gefragten Künstlerin zu entwickeln. Ihre Bilder sind in den bedeutendsten Galerien und Museen der Welt, zum Beispiel in London, Glasgow, Florenz, Helsinki, New York, Krakau, in Berlin und Dresden zu sehen.

Text: Sabine Raithel
Foto: Sabine Raithel


Die Kunst der Kommunikation – Ignacy Nowodworski



„Man kann nicht nicht kommunizieren“ heißt es in der Kommunikationstheorie. Das zeigt auch bei näherer Betrachtung die Sandsteinskulptur: „Traum und Wirklichkeit“ von Dr. Ignacy Nowodworski. Das Foto zeigt das Werk kurz vor der Fertigstellung im Jahr 2011.


Die Skulptur „Traum und Wirklichkeit“, die der polnische Bildhauer Dr. Ignacy Nowodworski für den Kronacher Kunstverein geschaffen hat, regt zum Nachdenken über die Kommunikation von Frauen und Männern an.

Frauen und Männer sprechen eine andere Sprache. Reine Küchenpsychologie? Oder ist da doch was Wahres dran? Um die geschlechtsspezifische Kommunikation ranken sich zahlreiche Thesen. Eine besagt: Frauen kommunizieren anders als Männer. Klar: Denn Männer kommen ja vom Mars und Frauen von der Venus. Bei Frauen, so die Theorie, steht der emotionale Aspekt der Aussage im Vordergrund. Bei Männern geht es um die Fakten einer Aussage. Interessant ist es dabei, darüber nachzudenken, wie sich die Kommunikation im Verlauf einer Beziehung - vom ersten Verliebtsein bis zur Langzeitehe - verändert und wo die Grenzen liegen, z. B. in Belastungssituationen wie in Zeiten von Corona.

Die Sandsteinskulpturengruppe „Traum und Wirklichkeit“, die der polnische Bildhauer Dr. Ignacy Nowodworski im Jahr 2011 für die 4. Sandsteintriennale des Kronacher Kunstvereins aus weißem Bamberger Sandstein geschaffen hat, bereichert den Skulpturenpark im Kronacher Landesgartenschaugelände. Sie inspiriert dazu, über das Thema Kommunikation zwischen Frau und Mann tiefer nachzudenken.

„Traum und Wirklichkeit“: Ein Mann und eine Frau stehen sich gegenüber. Der Mann hat betont breite, kantige Schultern. Auf seinem Unterarm sitzt ein großer Vogel. Er hält ihn nicht fest. Der Mann sucht den Blickkontakt zu der Frau, als wolle er sagen: “Schau, was ich hier Tolles für Dich habe.”

Die Frau hat ihre Augen geschlossen, vielleicht im Traum, vielleicht in Gedanken versunken. Sie sieht den Mann nicht. Ein Lächeln umspielt ihren Mund. Um den Kopf der Frau fliegen viele kleine Vögel - wie wehendes Haar. Sie bieten zahlreiche Interpretationsmöglichkeiten: seien es Wünsche - sehr viele - oder Träume, oder Gedanken… Der Betrachter des Kunstwerks wird zum Beobachter der Kommunikation des Paares.

Aus der Ferne erkennt man die Zwei, die einander leicht zugeneigt sind, als Ganzes. Die Gruppe bildet eine Einheit. Steht man davor, dann befindet man sich zwischen den beiden. Man wendet sich einmal ihr und einmal ihm zu, zwecks näherer Betrachtung und näherem Kontakt.

Eleganz und Leichtigkeit in Form, Motiv und Komposition kennzeichnen die Skulpturengruppe. Dr. Ignacy Nowodworski verwendet in seinen bildhauerischen Arbeiten verschiedene Materialien wie Marmor, Granit, Hartholz, Metall und Fundstücke. Die gezielt eingesetzten Materialkontraste sind ein Charakteristikum seiner multimaterialen Objekte.

Dr. Ignacy Nowodworski wurde 1980 im polnischen Gdansk (Danzig) geboren. Er absolvierte 2005 das Institut für bildende Kunst in Opole (Opeln) mit Auszeichnung und promovierte an der Kunstakademie in Wrocław (Breslau) im Jahr 2018. Von ihm stammt die Preis-Statuette Mecenas, die in Polen für zeitgenössische Kunst vergeben wird, und sowie die Statuette Opolskie Lamy, mit der seit Jahren beim polnischen Festival in Opole unabhängige Filme gewürdigt werden.

Nowodworski wurde in Polen mit zahlreichen Kunstpreisen ausgezeichnet. 2014, bei der ersten offenen Bildhauerwerkstatt im niedersächsischen Rastede, erhielt er den Publikumspreis. Seine Arbeiten befinden sich in privaten und öffentlichen Sammlungen in Polen, Deutschland, in den Niederlanden und in den USA.

Text: Karol Hurec
Foto: Karin Elsel

Die ewig junge Wilde - Elvira Bach

   
Die großformatigen und farbprächtigen Arbeiten von Elvira Bach bildeten einen reizvollen Kontrast zum historischen Ambiente der Festung Rosenberg in Kronach.


Mit einer farbgewaltigen Werkschau auf der Festung Rosenberg begeisterte die Künstlerin Elvira Bach im Jahr 2006 nicht nur das Kronacher Publikum. Aus ganz Deutschland kamen Kunstbegeisterte, um die neoexpressionistischen Frauenportraits der Ausnahmekünstlerin zu sehen.

Sie gehört zu den ganz Großen der zeitgenössischen Kunstszene: die Berlinerin Elvira Bach. Im Jahr 2006, im 25. Jahr seines Bestehens, war es dem Kronacher Kunstverein gelungen, die prominente Ausnahmekünstlerin für eine Werkschau zu gewinnen. Unter dem Motto „Elvira zeigt Verschiedenes" präsentierte Elvira Bach im Fürstenbau der Festung 40 größtenteils sehr großformatige Gemälde sowie Keramikarbeiten. Die Ausstellung sorgte national für Medieninteresse; Kunstbegeisterte aus ganz Deutschland zog es nach Kronach.


Ein Foto aus dem Jahr 2006: Die Ausnahmekünstlerin Elvira Bach im Gespräch mit dem seinerzeitigen Ersten Bürgermeister der Stadt Kronach, Manfred Raum.


„Die Festung in Kronach ist etwas ganz Besonderes. Das Gebäude mit seinen verschiedenartigen Räumen und die Landschaft, die die Festung umgibt, der Blick, den man von hier oben hat, all das bildet einen wundervollen Rahmen für meine Werkschau", schwärmte Elvira Bach. Die Künstlerin, deren Arbeiten in namhaften Galerien in Venedig, Saint-Tropez, Basel, Berlin, Hamburg, London, Paris, Graz, Amsterdam oder New York zu sehen sind, hatte keinerlei Probleme damit, ihr Schaffen außerhalb der großen Metropolen zu zeigen. „Es kommt auf die Räumlichkeiten an. Und so eine Festung ist als Ausstellungsort reizvoller, als eine gesichtslose Halle in irgendeiner angesagten Großstadt. Es ist spannend, so ein individuelles Gebäude mit meinen Arbeiten zu füllen", erklärte die Künstlerin.

Nicht nur ihre Kunst trägt eine einzigartige Handschrift. Auch Elvira Bach selbst, mit ihrem „Signature Look“ der durch Turban, große Ohrringe, lange, auffallende Gewänder und die dunkel betonten Augenbrauen á la Frida Kahlo geprägt ist, ist ein stilistischer Solitär. Sie wurde 1951 in Neuenhain im Taunus geboren, absolvierte die Glasfachschule in Hadamar und studierte anschließend bei Hann Trier an der Hochschule der Künste in Berlin. Elvira Bach arbeitete als Requisiteurin, Foyerdame und Souffleuse. Ihren großen Durchbruch als bildende Künstlerin erfuhr sie 1982 anlässlich der Dokumenta 7 in Kassel. Seinerzeit erregten die Arbeiten der „Jungen Wilden“ erhebliches Aufsehen.

Heute sind die Bilder der in Berlin lebenden Künstlerin eine Spur weicher und ruhiger geworden. Dennoch ist sie dem Wechselspiel von Heftigkeit und Sanftheit ebenso treu geblieben, wie ihrem Lieblingsmotiv: dem Ewig-Weiblichen. Elvira Bach malt Frauen. Unwiderstehlich, verführerisch, ja fast hypnotisch. In unzähligen Varianten visualisiert sie Verwandlungs- und Rollenspiele, Lebens- und Liebesspiele, Rituale der Freiheit außerhalb enger, moralischer Konventionen. Sie liebt die Farben. Rot strömt durch fast alle Bilder und unterstreicht die Erotik und die Wildheit ihres Werkes. Doch bei aller Zügellosigkeit und Expressivität wirken ihre Bilder niemals obszön. Niemals bedient sie die Lust des Voyeurs. Die Frauen, die Elvira Bach malt, sind starke Persönlichkeiten, die trotz aller Erotik Stärke, Mut und Stolz in sich vereinen. Sie sind nicht Opfer. Sie leben ihr Leben selbstbestimmt und haben ihre facettenreichen Rollen selbst gewählt. Sie haben Ecken und Kanten - und sie stehen dazu. Das verleiht ihnen Strahlkraft und Schönheit.


Das offizielle Plakat zur Ausstellung aus dem Jahr 2006 – hier mit Widmung.


Man könnte Elvira Bach vielleicht als eine Art „Alice Schwarzer der bildenden Kunst" bezeichnen. Jedenfalls hat sie mit dazu beigetragen, dass sich das Frauenbild in der Gesellschaft für die Frauen zum Positiven verändert hat.

Die gemalten Arbeiten, die Elvira Bach in Kronach präsentierte, tragen Titel wie „Küchendiva", „Die Kartoffelschälerin", „Ingrid sät grüne Soße", „Unsere Gesichter lügen, aber unsere Hälse sprechen die Wahrheit" oder „7,65 Euro sind einfach zu viel" und sind selbstredender Beleg, wie humorvoll, selbstironisch, selbstsicher und stark „Frau" aus dem emanzipatorischen Geschlechterkampf hervor gegangen ist. Elvira Bach will keine gemalten Ratschläge für „politisch korrektes“ Leben geben. Vielmehr sind ihre Bilder der farbenfrohe Ausdruck ihrer eigenen Gefühle, Träume und Fantasien. Stets spiegeln ihre neoexpressionistischen Frauenbilder ihr eigenes Leben wider: mit den unzähligen Seiten, die sie in sich vereint – ob als Model, Mutter, Künstlerin, Vamp, Ehefrau, Managerin oder Küchendiva. Und das macht die Magie dieses einzigartigen Werkes aus. Ihre Frauenbilder haben Elvira Bach zu einer Ikone der deutschen und internationalen Kunstszene werden lassen. Sie ebnete einer ganzen Generation von Künstlerinnen den Weg.

Text: Sabine Raithel
Fotos: Karin Elsel


Der Blick des Wolfes - Stephan Reusse


Thermographische Aufnahme aus der Serie „Wölfe“ von Stephan Reusse.
Die Aufnahme erinnert an das Fokussieren durch das Fadenkreuz eines Jägers.
Als der Fotograf auf den Auslöser drückte, war das Tier schon längst weg.


Er macht Dinge, die man mit dem bloßen Auge nicht wahrnehmen kann sichtbar, wie die Energie von Lebewesen. Dabei verknüpft Stephan Reusse High-Tech und Kunst. Er lässt Mäuse aus grünem Laserlicht über Hauswände huschen, konstruiert Portraits berühmter Persönlichkeiten, indem er sie dekonstruiert, hält den Weg eines in die Luft geschleuderten Stuhls fest und auch das kurze Innehalten und den durchdringenden Blick eines Wolfes - obwohl dieser zum Zeitpunkt der Aufnahme schon längst nicht mehr anwesend war. Stephan Reusse, 1954 in Pinneberg geboren, visualisiert mit  Wärmebild-Kameras für das menschliche Auge unsichtbare Wärmeabstrahlungen von Körpern und Objekten. Je schneller die Aufnahme geschieht, desto deutlicher sichtbar wird die Aura, das Flüchtige, Unsichtbare. Und dabei entstehen malerisch-poetische Bilder. Im Jahre 2018 waren Stephan Reusses Arbeiten in der Galerie des Kronacher Kunstvereins zu sehen.

Stephan Reusse absolvierte eine fotojournalistische Ausbildung an der Folkwang-Schule in Essen, begann jedoch bald damit, die Gattungsgrenzen zu überwinden, um sich in unterschiedlichsten Medien, Installationen und Performances auszudrücken. Seit 2019 hat Reusse eine Professur an der Universität in Wien.

In Kronach zeigte Reusse 2018 neben einer Projektion des Tänzers Dominique („Collaboration mit Pina Bausch Ensemble“) Bilder aus den Serien “Pissflowers”, “Chairs” und “Wölfe”. Die bis zu 180 cm x 240 cm großen, thermographischen Aufnahmen von Wölfen aus dem Jahr 2002 sind in Britisch Kolumbien entstanden. Das Thema ist hochaktuell.

Die Wölfe in Reusses Fotografien und Filmen sind geheimnisvoll, nicht fassbar, sind materielose, sichtbare Energie. Der Wolf, das nicht domestizierte, freiheitsliebende Tier ist Sinnbild für das Wilde und Freie. Er bietet eine Projektionsfläche für eine Sehnsucht nach der Rückkehr zu einem natürlichen Urzustand, in dem sich unberührte Wildnis und menschliche Zivilisation gleichwertig gegenüberstehen.
Doch Reusses Gedanken gehen weit über das sichtbare Motiv hinaus. Als Künstler thematisiert er Zeit und Wahrnehmung. Und er stellt Fragen: Wie funktioniert Zeit im Verhältnis zur bildlichen Präsenz? Wie funktioniert die apparative Realität im Verhältnis zum Sichtbaren und welche Defizite macht sie in unserer eigenen Wahrnehmung sichtbar? Welche Kommunikationsebenen schaffen Bilder im Bezug auf den oder das Abgebildete?

Reusses Arbeiten finden sich in großen Sammlungen weltweit. Ein Tipp des Kronacher Kunstvereins für die Urlaubszeit: Aktuell zeigt die Galerie Johnssen in München noch bis 31. Juli 2020 Reusses Fotoarbeiten “Collaborations”. Die Fotografien, oft Dekonstruktionen von Bildern wurden mit den abgebildeten Künstlern wie John Baldessari, Joseph Beuys, Jochen Gerz, Jeff Koons, Rune Fields, Hermann Nitsch, Anna Oppermann und Ben Willikens gemeinsam konzipiert. Im Museum “Villa Rot” in Burgrieden-Rot ist Reusse mit Wolf-Bildern in der Ausstellung “Wald.Wolf.Wildnis” noch bis 20. September 2020 vertreten.


Text: Karol Hurec
Foto: Stephan Reusse


Die fabelhafte Welt des Otmar Alt



„Das Leben ist ein Versuch“, so der Künstler Otmar Alt.
„Wir haben nur eine Chance: mit unserer positiven Einstellung zum Leben.“ Ein Credo, das Alt in seinem Wirken vorlebt.



Seine bunten Fabelwesen, seine „Tiermenschen“ und „Augentiere“ wurden zu seinem Markenzeichen. Otmar Alt gehört zu den bekanntesten und erfolgreichsten Künstlern Deutschlands. Im Kronacher Kunstverein war er bereits mehrmals zu Gast.

Der Name Otmar Alt ist in der Welt der Kunst ein Begriff. Und nicht nur dort. Die Arbeiten des Malers, Bildhauers, Designers und Grafikers waren und sind nicht nur in unzähligen Museen und Galerien zu sehen. Vieles hat Eingang in öffentliche Sammlungen und ins Alltagsleben gefunden. In Oberfranken war er oft zu Gast: Seine Entwürfe für Rosenthal wie u.a. die Uhr „Coq o’clock“ gelten heute als legendär; er hat Bühnenbilder und Kostüme für mehrere Inszenierungen am Theater Hof sowie zwei große Skulpturen geschaffen und beim Kronacher Kunstverein war er gleich dreimal zu Gast - u.a. im Jahr 2010, anlässlich seines 70. Geburtstags, mit einer großen Jubiläumsausstellung auf der Festung Rosenberg.

„Ich erinnere mich sehr gerne an Kronach“, sagt Otmar Alt. Der freundschaftliche Draht zu den Vorsitzenden des Kunstvereins, Karol Hurec und Willi Karl, sei nie abgerissen. Ob er nochmal nach Kronach käme? Er würde ja gerne. „Aber wissen Sie, ich heiße nicht nur Alt…“. Otmar Alt, der umtriebige Künstler, der die Szene über Jahrzehnte mit seiner Experimentierfreude überrascht und der den schmalen Grat zwischen Kunst und Kommerz geschickt ausbalanciert hat; dessen Oeuvre nicht nur quantitativ beeindruckt, sondern auch durch Vielschichtigkeit und der nie müde wurde, in seinen Bildern immer neue, faszinierende - lustige, alltägliche, groteske und auch tragische - Geschichten zu erzählen - er wird in diesem Jahr 80 Jahre alt.

Am 17. Juli 1940 wurde er in Wernigerode geboren. Ein Kriegskind. Er ergreift zunächst den Beruf des Dekorateurs und Plakatmalers. Im Jahr 1959 beschließt er, Modezeichner zu werden und beginnt ein Studium an der Berliner Meisterschule für Kunsthandwerk. 1960 wechselt er an die Hochschule für Bildendende Künste zu Berlin. 1964 wird er Meisterschüler bei Hermann Bachmann. Alt ist einer der wenigen deutschen Maler, dem bereits in jungen Jahren der Sprung in die vordersten Reihen der Kunstszene gelingt. Auf seine viel beachtete und auch kommerziell aus dem Stand erfolgreiche Ausstellung im Jahr 1966 in der renommierten Berliner Galerie Katz - seine erste Einzelausstellung überhaupt - folgt 1967 eine Reihe viel beachteter Ausstellungen im Inland und bereits 1969 ein Vorstoß „nach Übersee“. Im Jahr 1969 beginnt seine künstlerische Auseinandersetzung mit der Plastik. Es entstehen erste Skulpturen aus Keramik. Wenig später gestaltet er das Kinderbuch „Luderbär“. 1972 entwirft Alt ein Plakat für die Edition „Olympia 1972“.

Früh bricht er jedoch aus dem „elitären“ Kunstbetrieb aus und arbeitet hoch produktiv darauf hin, seinem Schaffen ein neues Terrain zu erschließen. Er will näher am Menschen, am Betrachter sein. Er ist überzeugt: Jedermann soll jederzeit Zugang zur Kunst haben. Die Bedeutung der Werke soll vom Betrachter selbst erarbeitet werden. Er nutzt dazu nicht nur das klassische Mittel der Druckgraphik, die als vervielfältigte Kunst auch für „Otto Normalbürger“ erschwinglich ist, oder die Zusammenarbeit mit Industrieunternehmen wie Rigips oder ab 1978 mit Rosenthal. Er stellt - seinerzeit ungewöhnlich - in Schulen und Betrieben aus, beteiligt sich an Wohltätigkeitsveranstaltungen u.a. für krebskranke Kinder, und arbeitet immer wieder mit Kindern und Jugendlichen zusammen.

Otmar Alt hat von jeher ein großes Bedürfnis nach Kommunikation. „Ich male für Menschen, nicht für Museen“, betont er. Das hat auch Rückwirkung auf sein Schaffen. Das Auge, das Organ für visuelle Kommunikation, findet sich nun immer häufiger in seinem Werk. Es ist das Vehikel für das Zwiegespräch zwischen Bild und Betrachter. Die Variationsbreite des Augenmotivs ist in Alts Werk enorm. Faszinierend: Alts „Augentiere“. Diese Wesen sind nicht nur Mittel zum Dialog, sondern auch eine Möglichkeit für den Künstler sich mitzuteilen. Denn nicht selten stehen die Augenwesen für den Künstler selbst.



Bild „Nummer 9“ aus dem aktuellen Zyklus „Corona, die neue Zeit“.
Otmar Alt besinnt sich hier wieder zurück auf seine künstlerischen Wurzeln.


Seit den 1980er Jahren prägen Tiere sein Werk - allen voran: Katzen. Er bekommt das Etikett, ein „Katzenmaler“ zu sein, das er in der Folgezeit kaum los wird - ebenso wie das Klischee des Märchenerzählers und des kindlich verträumten Fabulierers. Doch Alts scheinbar heitere Farb- und Fabelwelten sind stets Ergebnis eines intellektuell anspruchsvollen, künstlerischen Gestaltungswillens. Die entspannte Unbeschwertheit entsteht aus einem komplizierten Spiel mit Farben und Formen. Das Narrativ, das Erzählerische, ist Ergebnis einer systematischen Erfindung und Ausgestaltung Otmar Alts ureigenster, zum Teil grotesker Natur- und Tier-Geschichten. Alts Bilder sind niemals simpel, einfach witzig oder bierernst. So kompliziert, knorrig und kantig der Künstler ist, so ist auch sein Werk. Alts Humor ist vielschichtig; seine Arbeiten tiefgründig und hochkomplex. Und es gibt immer eine Geschichte hinter der Geschichte, die es zu entdecken lohnt.

Otmar Alt lebt im nordrhein-westfälischen Hamm, Ortsteil Norddinker, in einem Bauernhaus, umgeben von seltenen Hühnern und Wasservögeln, Nandus und Lamas. Hier hat auch seine 1991 gegründete Stiftung, inklusive Skulpturenpark und Amphitheater, ihren Sitz, mit der er den künstlerischen Nachwuchs fördert. Hier sollte eigentlich auch eine große Geburtstagsfeier zu seinem 80ten stattfinden. „Die ist wegen Corona abgesagt“, berichtet Otmar Alt. „Wissen Sie, das Gute an der jetzigen Situation ist, dass wir alle wieder bescheidener werden müssen. Wir haben uns und der Natur in den letzten Jahrzehnten zu viel zugemutet. Jetzt ist es Zeit sich zu besinnen.“ Otmar Alt fügt hinzu: „Kunst heißt ja auch, Zeichen zu setzen. Dafür ist jetzt der richtige Augenblick. Und wir müssen Geduld lernen.“ Derzeit arbeitet der Westfale an einem „Corona-Zyklus“. Dabei besinnt er sich auf seine Anfänge als Maler und die Stilrichtung der „art informel“, die sich abkehrt von der streng rationalen, geometrischen Abstraktion, zugunsten eines freien und spontanen Schaffensprozesses. Reflektiert er damit sein eigenes Lebenswerk? Zurück, alles auf Null? Bei Alt, der zwar so heißt, der aber im Geiste geradezu unverschämt jung ist, verspricht dies eher der Anfang eines neuen künstlerischen Ausdrucks zu sein.

Text: Sabine Raithel
Fotos: privat

Ein Architekt der Natur - Peter Schoppel


Dieses Bild von Peter Schoppel war im Kronacher Kunstverein zu sehen:
„A4 – floral“, Acrylmalerei auf Leinwand und Holz aus dem Jahr 2015.


Peter Schoppel gilt als einer der hochkarätigsten Künstler in Oberfranken. Seine Arbeiten bestechen durch handwerkliches Können und eine innovative Bildsprache zwischen Naturalismus und geometrischer Abstraktion. Im Jahr 2018 hat der Kronacher Kunstverein im Rahmen der Ausstellung „Sieben Bamberger“ Arbeiten des Malers und Grafikers Peter Schoppel gezeigt.

Schoppel beherrscht die Malerei auf Leinwand meisterhaft. In aller Regel führt er seine Arbeiten in Acrylfarben aus. Ebenso beherrscht er die Kunst der Radierung. In seinen Arbeiten mit Buntstift auf Papier brilliert der Künstler mit exzellentem handwerklichem Können.

In seiner innovativen Bildsprache kombiniert er die Darstellungsformen gegenständlicher Sachlichkeit mit geometrisch orientierter Zeichensprache. Seine Motive haben ein Thema: Sie zeigen Pflanzen in den unterschiedlichsten Erscheinungsformen, sachlich, klar, sauber abgebildet wie für ein botanisches Lehrbuch. Dieser dynamischen, organischen Ordnung evolutionärer Prozesse stellt er auf Mathematik basierende, menschengemachte, mechanisierte Systeme gegenüber oder überlagert sie hautnah. In der Welt, in der wir leben, erleben wir täglich, wie der Mensch die Natur erforscht und sie, zwecks Beherrschung, mechanistischen Systemen unterordnet.

Der Kunsthistoriker Dr. Matthias Liebel sagt über das Oeuvre des Künstlers, er mache in exzellenten Bildern sichtbar, wie die Technik unseren Blick sowohl auf die Schönheit als auch auf den evolutionären Nutzen der Natur verdränge.

Peter Schoppel wurde 1958 in Bamberg geboren. Er studierte Malerei und Druckgrafik in Trier und ist als freischaffender Künstler tätig. Er lebt in Gundelsheim bei Bamberg.


Text: Karol Hurec
Foto: Karin Elsel


Was das Bild hinter dem Bild erzählt - Ralf Raßloff

    
Pia und Hardy aus der Serie „Die Erregung der Seelen beim Streben nach Glück“



Porträts von Fotograf Ralf Raßloff wirken ein wenig wie aus der Zeit gefallen. Die Gesichter erscheinen stilisiert wie in altertümlichen Porträts und doch handelt es sich um Personen der Gegenwart.

Ralf Raßloffs Arbeiten befassen sich mit der Frage, was Männlichkeit oder Weiblichkeit ausmacht. Die Frage nach der männlichen und weiblichen Identität ist von ungebrochener Aktualität.

Pia und Hardy waren die Protagonisten zweier Fotos einer Reihe von Porträts, die Ralf Raßloff im Jahr 2017 im Rahmen einer facettenreichen und spannenden Ausstellung im Kronacher Kunstverein präsentierte. Die beiden Bilder wurden auch mit dem Lucas-Cranach-Sonderpreis 2015 prämiert und waren damals in einer Ausstellung auf der Festung Rosenberg zu sehen.

Raßloff hat alle Personen der Porträtserie mit stets ähnlicher Pose inszeniert. Eine Hand am Herzen, die andere im Schritt. Der Blick ist verklärt, meist geradeaus und ignoriert den Betrachter. Die Porträtierten wirken unnahbar und distanziert. Alle Konzentration scheint in die Ferne gerichtet zu sein. Die Intensität des Blicks hat der Fotokünstler noch dadurch gesteigert, dass er die Augen aufhellt und sie intensiv weiß erscheinen. In dieser Serie geht es um Begehren, Sexualität und die damit verbundene Körpersprache. Deshalb gab Ralf Raßloff dieser Reihe den Titel: „Die Erregung der Seelen beim Streben nach Glück“.

Seine Kunst ist eine Kopfleistung. Er entwickelt vorher eine Idee und versucht diese mit seiner Inszenierung umzusetzen. Trotz Vorgabe sind die Gesten der dargestellten Personen nie gleich. Die zentrale Idee mit der Haltung der Hände gibt Raßloff vor, dennoch haben die Models, die er zum Teil von der Straße rekrutiert, die Freiheit der Wahl, im Outfit und im Rollenbild, das sie repräsentieren.

Hardy, der hier mit weit aufgeknöpftem Hemd, dunkler Kappe und weißen Hosenträgern posiert, fasst forsch in den Stoff, während Pia im Spitzenkleid scheu und schreckhaft die Hand auf ihre Herzgegend legt und mit der anderen ihre Scham bedeckt. Bei Hardy lohnt noch der genauere Blick, um zu sehen wie die Struktur des Unterhemdes mit der der Tätowierung korrespondiert.

Raßloff bittet seine Models ungeschminkt ins Atelier zu kommen. Er bearbeitet die Fotos, greift einen Farbwert aus der Iris des Auges auf, um aus diesem Ton den Hintergrund zu gestalten, wofür die Figur dann aufwändig freigestellt werden muss. Der Druck der Porträts geschieht mit einem aufwändigen Druckverfahren auf Büttenpapier im Format von 100 mal 152 cm, also annähernd maßstabsgetreu.

Der Fotograf sagt über sich selbst und seine künstlerische Arbeit: „Ich will mit meinen Bildern etwas Besonderes ausdrücken, möchte Zweifel wecken beim Betrachter, ein Bild hinter dem Bild erzählen.“ Raßloff bezeichnet sich dann als Lichtbildner und trennt dies von seiner Arbeit als Auftrags-Fotograf.

Ralf Raßloff wurde 1965 in Mülheim an der Ruhr geboren, studierte an der Folkwanghochschule in Essen künstlerische und inszenierte Fotografie sowie Film. Heute lebt er mit seiner Familie in Mülheim. Raßloff arbeitet auch als Dozent für Fotografie an verschiedenen Bildungseinrichtungen im Ruhrgebiet. Der Fotograf ist Mitglied in Mülheimer, Duisburger und Essener Künstlervereinigungen, an deren Gemeinschaftsausstellungen er regelmäßig mit seinen Arbeiten teilnimmt. Seine Fotowerke wurden auch in zahlreichen Ausstellungen im In- und Ausland gezeigt.

Text: Karin Elsel
Fotos: Ralf Raßloff

Der steinerne Magnet - Wilhelm Holderied

"Der steinerne Magnet" von Wilhelm Holderied
 
 

Zum Skulpturenpark, der im Rahmen der „Sandstein-Triennalen“ des Kronacher Kunstvereins entstanden ist, gehört auch das Labyrinth „Der steinerne Magnet“ von Wilhelm Holderied. Das Kunstwerk muss begangen werden, wenn man es erleben will.

Zum Steinzeichen „Der steinerne Magnet“, wie Wilhelm Holderied sein begehbares Werk nennt, schafft der Künstler die Assoziation eines Gesichtes mit zwei Augen - oder die eines großen Auges, gestaltet aus Millionen Jahre alten Steinstelen. Der Blick des steinernen Auges geht hoch zu den Sternen, von denen die Atome, die Bestandteile der Steine, der Materie überhaupt, letztlich stammen und ist gerichtet auf den letzten Ursprung allen Seins.

Wilhelm Holderieds materialisierte Ideen graben sich als Zeichen in die Erde ein, um dann, wie bei einer Verpuppung, verwandelt zu Geistern, Gesichtern oder Augen, den Betrachter zu Phantasieflügen anzuregen.

366 Granit-Stelen sind die Bestandteile des Objektes. Das Gewicht von darauf spielenden, springenden Kindern sowie das von Erwachsenen ertragen die Granitstelen mit Leichtigkeit. Die für den „steinernen Magneten“ verwendeten Steine sind Material des Straßenbaus, grob gebrochen, genormt, und doch ist jeder einzelne recht individuell. Sie wurden in ca. 50 Zentimeter tiefe Betonfundamente eingelassen und können so dem jährlichen Hochwasser und schwerem Treibgut standhalten.

Das Kunstwerk ist ein Kalender: Jeder Stein steht für einen Tag im Schaltjahr 2008 und wurde mit einem Datum versehen. Die Monate ordnen sich chronologisch, sind aber nicht streng auf die Mitte hin ausgerichtet - das lässt die Form der Steinreihen nicht zu. Man kann von Stein zu Stein durch das Jahr gehen und das Datum seiner Wahl suchen. Der Besucher des Kalenders kann auf die Granitstele mit dem Datum des aktuellen Tages, einen kleinen Stein legen und diesen beim nächsten Besuch verändern, weiter bewegen: Zeit wird sichtbar in der Bewegung, Veränderung.

„... Das Steinzeichen, eine Art Maske, ein Auge liegt in einem ovalen Rund. Maske und Auge mahnen zur Wachsamkeit. Der Magnet ist immer auch eine besondere Anziehung von unsichtbaren Energien. Spiralförmig nach außen drehend deutet das Steinzeichen auf imaginäre Steinlichter im Kosmos, mit mystischer und magnetischer Ausstrahlung hin“, so beschreibt der Künstler Wilhelm Holderied sein Werk nach der Fertigstellung.

Doch, ob ich in der Form des „steinernen Magneten“ das Gesicht erkenne oder das große Auge, ob ich mich von Kräften angezogen fühle oder ob ich im Fortschreiten von Datum zu Datum – im Kalender – das Schaltjahr durchschreite, es bleibt als dominantes Erleben in allen Betrachtungsweisen die Begehung eines Labyrinths!
Dabei ist „Der steinerne Magnet“ kein klassisches Labyrinth, wie das in der Kathedrale von Chartres, in dem man ohne Irrweg zur Mitte geleitet wird. Der „steinerne Magnet“ verfügt, anders als das klassische Labyrinth, das nur einen Eingang bzw. Ausgang hat, über vier Eingänge, einen in jeder Himmelsrichtung und alle geben einen Weg frei für die Suche nach der Mitte. Ein weiterer Unterschied: Die Breite der Wege gestaltete Holderied unterschiedlich. An den Eingängen sind sie bequem weit und in der Mitte eher eng. Es ist kein durchgängig gleiches Maß gegeben. Hier gibt es eher Spannung als Harmonie.

Spannungsreich ist auch die Gesamtform des „steinernen Magneten“ - trotz seiner scheinbaren Symmetrie. Das Auge aus Stein bzw. das Gesicht hat als Umriss ein gebrochenes Oval. Aus dem Kreis - ohne Anfang und Ende - wurde bei Wilhelm Holderied ein Zweieck, das Anfang und Ende symbolisieren kann und das keine Mitte besitzt.

Das Gesicht hat zwei Augen aber keine Mitte und der Steinkalender hat weder Jahresbeginn noch Jahresende im Zentrum. Der „Steinerne Magnet“ beherbergt im Zentrum zwei Pole, die für jedwede Dualität stehen können. Zum Inneren von Holderieds „Steinernem Magnet“ wird man nicht geleitet. Jede/r muss/kann selbst seine Mitte finden/definieren. Das Kunstwerk muss begangen werden, wenn man es erleben will.

 

Text: Karol Hurec
Foto: Stadt Kronach

Die Kraft des ewig Weiblichen - Angelika Summa


Die Künstlerin Angelika Summa mit „Skulpton“
 
Die Würzburger Künstlerin Angelika Summa wirkt auf dem Foto ein bisschen wie Atlas, der Titan aus der griechischen Mythologie, der das Himmelsgewölbe in Form einer Kugel auf seine Schultern geladen hatte. Das kugelförmige „Firmament“, das Angelika Summa über ihrem Kopf balanciert, mag ihr selbst der Himmel sein. Denn in ihrem künstlerischen Werk ist die Kugel die bestimmende Form. Dabei schafft sie zarte und handliche Exemplare ebenso wie tonnenschwere aus Baustahl geschweißte Objekte mit mehreren Metern Durchmesser.

Kreis und Kugel: Seit Menschengedenken sind sie das makellose Symbol der Perfektion und Einheit. Laut den Anhängern des Platonismus und Neu-Platonismus sind Kreis und Kugel die vollendetsten Formen des Universums. Sie stehen sinnbildlich für Unendlichkeit, Harmonie oder Spiritualität. Sie gehören zu den bekanntesten Symbolen der Menschheit. Der Kreis - ohne Anfang, ohne Ende, ohne Richtung und Orientierung - ist häufig Sinnbild von Ewigkeit, des Unendlichen, aber auch des In-sich-Geschlossenen, des Ganzen, Vollkommenen und auch des Göttlichen. So entsteht auch die Vorstellung des Schöpferischen. Leben und Tod bilden einen Kreislauf, der durch eine Naturkraft bestimmt wird. Er versöhnt die größten Gegensätze. Im Buddhismus und Hinduismus steht der Kreis für den Kreislauf von Geburt, Tod und Wiedergeburt, für die Erleuchtung. Die hohle gläserne Kugel gilt wie die Seifenblase als Symbol der Vergänglichkeit – die massive Glaskugel hingegen als Symbol der Allwissenheit bzw. der Vorspiegelung derselben.

Die Kugeln der Künstlerin Angelika Summa sind aus Metall, genauer: aus Draht, Baustahl, Stacheldraht oder Spannringen. Sie sind weder massiv noch perfekt in der Form. Ihre Oberflächen sind durchlässig. Sie umschließen keinen festen Kern, sondern Raum. Das Material ist spröde und eigenwillig. Es lässt sich nicht ohne Weiteres dauerhaft in eine Form zwingen - schon gar nicht in eine kreisrunde. Unwillkürlich ist man igeneigt, einen Zusammenhang zwischen Werk und Künstler zu ziehen. So mancher, der sich mit dem Oeuvre von Angelika Summa auseinandersetzt staunt, dass diese so zart und zerbrechlich wirkende Künstlerin riesige Skultpuren aus Stacheldraht - meist mit blossen Händen - zu schaffen vermag.

Ihre 80 Zentimeter im Durchmesser große Drahtskulptur „Skulpton“ aus dem Jahr 2014 gehört zu den kleineren Objekten der Künstlerin. Hier vereint Angelika Summa wiederum Gegensätze. Aus massivem Draht hat sie ein filigranes, geradezu gespinsthaft zartes Gewebe geknüpft, das nicht nur an eine Kugel, sondern an das Sinnbild des Weiblichen schlechthin, eine weibliche Brust, erinnert. Das weiblich Nährende, Schützende und sinnlich Weiche erfährt den Kontrast durch die Starrheit des Drahtes. Diese Konstruktion gibt dem Ganzen eine gewisse Elastizität, aber auch Sicherheit und Stabilität. Die Verbundenheit - eine typisch weibliche Qualität - wird durch die netzartige Struktur widergegeben. Hier ist alles mit allem verbunden, vernetzt, verknüpft. Im Mittelpunkt des Kosmos, der Kugel, steht das ewig Weibliche, die Urmutter, lebensspendend und sinnstiftend.

Angelika Summa, geboren in Bayreuth, studierte Kunstgeschichte, Archäologie und Germanistik. Seit 1986 ist sie als freischaffende Künstlerin tätig. Sie lebt und arbeitet in Würzburg. Für ihr Werk wurde sie mit zahlreichen, auch internationalen Preisen und Auszeichnungen gewürdigt. U.a. erhielt sie den Kulturpreis der Stadt Würzburg. Zahlreiche ihrer Arbeiten sind im öffentlichen Raum zu sehen. Summa hat eine Auswahl ihrer Metallskulpturen im Jahr 2014 im Kronacher Kunstverein gezeigt. Voraussichtlich 2022 wird die Künstlerin wieder in Kronach zu Gast sein. Ihre Objekte aus der Serie „Skulpton“ haben in der aktuellen Zeit an Aussage gewonnen: Gerade jetzt, wo jeder auf sich selbst zurückgeworfen ist, bekommt die Vernetzung mit anderen - eine urtypisch weibliche Stärke - einen ganz besonderen Wert. Wenn wir uns als Teil des Ganzen verstehen, gibt uns das Kraft, Halt, Widerstandsfähigkeit und Sinn. Und vielleicht ist die „neue Normalität“ ja auch eine, in der weibliche Attribute gefragter sind als bisher.

 
Text: Sabine Raithel
Foto: Wolf-Dietrich Weißbach

Wahrheit und Lüge in der Kunst - Andreas Fischbach


Besucher des Kronacher Kunstvereins vor dem Gemälde “Relax beach” von Andreas Fischbach
(Gemälde, 240 cm x 160 cm , Öl und Acryl auf Leinwand, mit Projektion)



Der Ausdruck “fake news”, der Begriff, den der US-amerikansiche Präsident Donald Trump als Synonym für "falsche Informationen“ bzw. „Lüge“ weltweit prägte, war noch nicht üblich im alltäglichen Sprachgebrauch, als der Schweizer Künstler Andreas Fischbach 2016 seine Ausstellung ”Die entspannte Welt” in der neuen Galerie des Kronacher Kunstvereins zeigte.

Ausgestellt wurde eine Sammlung von großartigen fotorealistischen Portraits, gemalte geografische Karten und Video-Installationen. Sie zeigten - als zusammenhängende Gruppe - eine utopische Vision innerhalb unserer Gesellschaft, unsere oberflächliche Konsumneigung und entlarvten unsere Gutgläubigkeit. Bilder von idyllischen, ruhigen Inseln oder Informationstafeln mit Statistiken, boten eine simplifizierte Vision der Welt, eine anschauliche, einfache und daher angenehme. “Unser Bild von der Welt ist ein fiktives, statisch, unvollständig, ist eine Illusion”, sagt Andreas Fischbach.

Seine Kombinationen aus Gemälden, gemalten, falschen Landkarten auf Folien, falschen Statistiken, die Installationen mit Projektionen von Filmen auf gemalten Bildern, dazu Liegestühle, Kopfhörer und Musik, wie bei „Relax beach“, diese romantischen Ferienparadiese und auch die Portraits entpuppten sich bei genauerer Betrachtung als “fake news”.

Text: Karol Hurec
Foto: Karin Elsel


Optimismus pur - die Nixe von Peter May


Die hübsche Sandstein-Nixe und ihr Schöpfer, der fränkische Bildhauer Peter May.



Sie strahlt Freude und gleichzeitig Ruhe und Gelassenheit aus. In Zeiten, in denen der Weg nach außen beschränkt ist, findet sie die Welt in ihrem Innern. Selbstvergessen reckt sie ihre Nase mit einem sanften Lächeln der Sonne entgegen. Wonniglich reibt sie dabei ihre Füße aneinander, wie kleine Kinder es tun, wenn es ihnen einfach nur gut geht. Der hübsch geringelte Bikini sitzt ein bisschen knapp - aber das stört die süße, dralle Nixe am Flußufer im Kronacher Landesgartenschaugelände überhaupt nicht. Sollen die dürren „Hungerhaken“ auf Instagram doch ihren völlig absurden Schönheitsidealen hinterherrennen. Die Nixe genießt ihr Leben - völlig unbeirrt von dem, was andere denken. Propper und rund steht sie für pure Lebensfreude. Gleichzeitig ruht sie, gut geerdet, mit ihrem ganzen Sein auf einem festen, unumstößlichen Fundament. Sie sitzt aufrecht und entspannt, der Blick ist nicht fokussiert, auf dem Kopf trägt sie eine hübsche Bademütze - so wirkt sie wie die Abwandlung eines sitzenden chinesischen Buddhas: in sich ruhend und vollkommen angekommen im Hier und Jetzt.

Die Nixe ist das Werk des Kalteneggolsfelder Bildhauers Peter May. Geschaffen hat er die zweieinhalb Meter hohe und eineinhalb Meter breite Schöne im Rahmen der ersten Sandstein-Triennale des Kronacher Kunstvereins im Jahr 2002 aus einem 18 Tonnen schweren Sandsteinblock. „Ich empfinde unglaublich viel Freude und Dankbarkeit für mein Leben und für meine Arbeit. Diese Freude möchte ich mit meinen Figuren ausdrücken und transportieren“, sagte der Künstler in einem Interview.

Im Rahmen der Sandsteintriennale haben Peter May sowie andere Bildhauer wie Rosa Brunner, Tom Kus, Pablo Lira, Karsten Reckziegel und József Szalai mehrere Monate lang auf dem Landesgartenschaugelände gearbeitet. Dabei ist ein sehenswerter Skulpturenpark entstanden, der noch heute von den Besuchern betrachtet und erlebt werden kann. So, wie die hübsche Badenixe.

Peter May verband mit ihr eine besondere Idee: „Mit meinen Figuren will ich die Menschen zum Lachen bringen. Denn wenn der Mensch lacht, öffnet sich sein Herz für die Schönheit dieser Welt und es zieht Frieden und Großzügigkeit ein.“

Text: Sabine Raithel
Foto: Reinhard Feldrapp



In unserer neuen Online-Galerie stellen wir Ihnen kontinuierlich Exponate aus unseren Ausstellungen sowie deren Schöpfer vor. Dazu geben wir jeweils eine kurze Einführung, in der Sie Informationen über den Künstler, das Werk und einige, hoffentlich für Sie inspirierende Gedanken zur Deutung finden. Freuen Sie sich auf weitere Beiträge.